Über ROSA

Warum gibt es Rosa?

Lange vor dem ersten Rosa-Treffen im Haus der Jugend, gab es schon den Wunsch nach einem offenen politischen Treffen in Reutlingen. Es sollte möglich werden, die politisch motivierten aber vielfach unorganisierten, Menschen zusammen zu bringen. Dabei sollte ein Rahmen geschaffen werden, in dem für alle Menschen, alle Fragen und Probleme Platz ist. Die Idee war, dass sich jeder und jede wohl fühlen und wir gemeinsam an einem Strang ziehen, eine Zusammenkunft in der es nicht wichtig ist welche (politische) Vorbildung man besitzt.

Konkreter wurde das Anliegen einer solchen Plattform, als im letzten Jahr in und um Reutlingen vermehrt rechte Aktivitäten wahrnehmbar wurden. Hierbei stachen insbesondere die Aktivitäten der Neonazi-Kleinstpartei „der dritte Weg“, der Identitären Bewegung und der AfD ins Auge. Die Aktionen reichten vom Verkleben rechter Aufkleber, über Hetze bei Informationsveranstaltungen zur Flüchtlingsunterbringung, bis hin zu Demonstrationen auf den Straßen Reutlingens.
Auch, oder gerade, das Reutlinger Umland ist von diesen rechten Umtrieben betroffen. Plakate und Banner mit rechten Inhalten werden in den betroffenen Regionen über Nacht aufgehängt. Personen mit rechter Gesinnung fühlen sich so wohl, dass sie sogar Parteiveranstaltungen stören.

Die Vorfälle und Aktivitäten „im Ländle“ sind allerdings keine Randerscheinung. Überall in Deutschland und darüber hinaus bilden sich rechte Gruppierungen und Parteien.
PEGIDA hatte zeitweise bis zu 25.000 Mitläufer*innen bei ihren Abendspaziergängen durch Dresden und Bundesweit gibt es Versuche Ableger zu gründen. Zeitgleich, vermutlich durch die Positionen der PEGIDA gestärkt, erfährt die AfD großen Aufwind und zieht in zahlreiche Landesparlamente ein.

Dieser Rechtsruck in Deutschland macht sich auch am Handeln etablierter Parteien bemerkbar.
Wie schon 1993, als die Parteien den rassistischen Prognomen in Rostock-Lichtenhagen, Brandanschlägen in Hoyerswerda und weiteren rechten Ausschreitungen nachgaben, antworteten die aktuell etablierten Parteien mit einer Verschärfung des Grundrechts auf Asyl. Wie damals ist also auch den jüngsten Änderungen geltenden Rechts ein Rechtsruck der Gesellschaft vorausgeeilt.
Dieser zeigte sich im Jahr 2015 besonders deutlich, als fast kein Tag ohne neue Meldungen von Brandanschlägen auf Asylbewerber*innen-Unterkünfte verging.

Doch nicht nur in Deutschland, sondern auch europaweit, ist ein solcher Trend wahrzunehmen. Vielerorts bilden rechte Parteien die Regierungen oder sind mit vielen Sitzen in den Parlamenten vertreten.
In Ungarn sind die Bürgerwehren so erstarkt, dass sie teilweise die Grenzen absichern. Auch gibt es an den Grenzzäunen immer wieder rassistische Demonstrationen mit teils internationaler Beteiligung, auch aus Deutschland sind Teilnehmer*innen angereist.
Die internationale Zusammenarbeit der Nationalisten hat auch bei Europas rechten Parteien Hochkonjunktur.
So schmust beispielsweise die AFD in Koblenz mit der französischen Partei „Front Nationale“ und der niederländischen „Partij voor de Vrijheid“.

Doch nicht nur Parteien und Bewegungen vom rechten Rand sind Europaweit für Menschenrechtsverletzungen verantwortlich zu machen. Während die Europäische Union auf der einen Seite gegen Trump und seine Mauer zu Mexiko wettert, hat sie gleichzeitig mit der Grenzschutzorganisation Frontex und der Schließung der Fluchtrouten über das Festland, eine der tödlichsten Grenzen der Welt geschaffen: Das Mittelmeer.

Betrachtet man die Europäischen Union, so stellt man fest, dass selbst innerhalb des „Schengener Raums“ Grenzen für Ausschlussmechanismen verantwortlich sind.
Das durch Grenzen implizierte „wir“ und „die Anderen“ sowie die daraus resultierenden Benachteiligungen, Vorverurteilungen und Ächtungen von Menschen wollen wir nicht akzeptieren und deshalb haben wir uns dazu entschieden, das Rosa-Treffen ins Leben zu rufen.

Dennoch sind wir der Meinung, es ist wichtig, den gesellschaftlichen Rechtsruck zwar als Anlass, jedoch nicht als Ursprung für unser Engagement zu sehen. Denn die Problematik ist weitaus tiefer verankert. Wir wollen uns mit den Wurzeln des Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit beschäftigen. Diese sind unserer Meinung nach selbst in den kleinsten Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu verorten, jeder einzelnen Stadt, jedem Dorf, jeder Gruppierung oder noch so kleinen Familie.

Wer sind wir?

Wir sind ROSA, eine Gruppe politisch interessierter Menschen aus Reutlingen und Umgebung. Aufgrund der oben genannten politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, sehen wir ROSA als eine notwendige Plattform zur Vernetzung interessierter und engagierter Menschen. Bei den barrierefreien ROSA-Treffen ist jede*r willkommen, egal welchen Alters, Geschlechts, Aussehens, etc., solange er*sie niemanden diskriminiert oder menschenverachtende Hetzte verbreitet.

Unser respektvoller und solidarischer Umgang miteinander ermöglicht einen Raum, in welchem jede*r Gehör findet, Ideen einbringen und sich in Diskussionen austauschen kann.
Gemeinsam organisieren wir die verschiedensten Aktionen und Workshops gegen jede Art von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Die Grundlage hierfür versuchen wir durch eine diskriminierungsfreie Kommunikation, die frei von jeglicher verbalen Gewalt sein sollte, zu bilden. Unter dieser verstehen wir nicht nur Offensichtliches wie Beleidigungen oder Mobbing, sondern auch versteckte Diskriminierung.
Denn diese kann sich absichtlich oder unabsichtlich durch eine, beispielsweise sexistische, Ausdrucksweise äußern.
Durch Dialog und Kritikfähigkeit wollen wir uns gegenseitig darauf aufmerksam machen und uns stetig selbst hinterfragen, um verbaler Gewalt und Diskriminierungen bei den ROSA-Treffen entgegenzuwirken.
Alle unsere Entscheidungen werden basisdemokratisch im ROSA-Plenum getroffen. Dies ermöglicht jeder*m eine unmittelbare und gleichberechtigte Beteiligung an der Entscheidungsfindung.
Denn Entscheidungen gehen ausschließlich aus dem gemeinsamen Konsens hervor. Durch Diskussion und Verständigung versuchen wir eine gemeinsame, für alle annehmbare Lösung zu finden und nicht lediglich den Willen einer (knappen) Mehrheit durchzusetzen.
Jede*r Teilnehmer*in des Plenums besitzt ein Vetorecht, welches jedoch begründet und verantwortungsbewusst eingesetzt werden muss.
Auch kann Arbeitsgruppen zu bestimmten Themen vom Plenum ein „themenbezogenes“ Entscheidungsrecht zugesprochen werden. Dies ermöglicht es der Arbeitsgruppe selbstständig Entscheidungen auf Grundlage der Interessen und Beschlüsse des ROSA-Plenums zu treffen, um auch bei spontanen Aktionen handlungsfähig zu sein. Dieses Mandat ist vor dem Konsens im Plenum zu verantworten.

Was wollen wir?

Wir setzen es uns zum Ziel, dem Bestehenden Konzepte des solidarischen Miteinanders entgegenzusetzen. Dabei ist es uns wichtig, den Kampf gegen rechtes Gedankengut nicht nur als sogenannte „Feuerwehrpolitik“ zu begreifen, die immer nur dann aktiv wird, wenn rechte Tendenzen besonders radikal in Erscheinung treten. Viel mehr verstehen wir unsere Arbeit, als ein eigenständiges, fortschrittliches Projekt, das die Ursachen und Keimzellen rechten Gedankengutes auch in der gegenwärtigen, modernen Leistungs- und Verwertungsgesellschaft sieht.
Es geht daher nicht nur darum, rassistischer und nationalsozialistischer Hetze die Stirn zu bieten, sondern vor allem darum, diejenigen Verhältnisse zu überwinden, die ganz systematisch die allgegenwärtige Ausgrenzung, Konkurrenz und Diskriminierung fördern oder gar erst hervorbringen.
Abschottung und Diskriminierung, sowie autoritäre Lebensentwürfe existieren nicht erst seit dem Erstarken der AfD oder NPD und waren auch davor keine Ausnahmen, sondern finden sich – wenn auch teilweise abgeschwächt oder anders begründet – genauso in den meisten Köpfen und politischen Programmen dieser Gesellschaft. Wir möchten daher unsere Ansätze für ein solidarisches Miteinander bis in die selbsternannte „Mitte“ unserer Gesellschaft hineintragen und uns keineswegs nur auf erklärte Nazis oder Rechtspopulisten als besonders radikale Auswüchse dessen beschränken. Ein solidarisches Miteinander muss mit einer solidarisch organisierten Gesellschaft einhergehen. Dafür setzen wir uns ein.

Die wichtigste Voraussetzung dafür, auf diese Gesellschaft Einfluss nehmen zu können, ist eine wirksame Organisation als Basis der politischen Arbeit.
Auf Reutlingen bezogen ist es uns daher wichtig, eine niedrigschwellige Organisationsplattform für Menschen zu bieten, die sich bislang noch nicht oder nur wenig politisch organisiert haben, aber trotzdem für eine solidarische Gesellschaft jenseits von Rassismus, Sexismus, Faschismus oder anderen menschenverachtenden Ideologien, eintreten wollen. Darüber hinaus möchten wir ein Bewusstsein für das massive Problem mit rechten Gruppierungen in der Region schaffen.
Ein solches Bewusstsein ist die Voraussetzung für eine effektive Arbeit gegen Rechtsradikale und -populisten, denn bei aller Kritik an den bestehenden Verhältnissen, muss das Engagement gegen rückwärtsgewandten Nationalismus und Rassismus von der gesamten Gesellschaft gemeinsam geführt werden. Wir stehen daher Bündnissen, die sich für eine Vielfalt der Lebensentwürfe einsetzten, in der Regel offen gegenüber.

Durch unsere politische Arbeit wollen wir auch konkrete, gesellschaftliche Diskurse und Debatten im Sinne einer solidarischen Gesellschaft beeinflussen, z.B. wenn es um die Situation von Geflüchteten oder den Kampf um die Rechte anderer Minderheiten geht.
Wir wollen bereits im Hier und Jetzt um konkrete Verbesserungen für alle von Diskriminierung oder Ausgrenzung betroffene Menschen streiten.

In diesem Sinne wollen wir auf verschiedenen Ebenen auf eine Gesellschaft hinwirken, in der alle Menschen unabhängig von Herkunft, Erscheinungsbild, Geschlecht, Glauben oder anderen „Merkmalen“ frei und solidarisch zusammenleben können.

Wie wollen wir das erreichen?

Egal ob es nun darum geht den politischen Diskurs zu ändern oder ein Bewusstsein für Ungerechtigkeiten oder Diskriminierungen zu schaffen: Wir halten es für wichtig, uns einzumischen!
Einmischen heißt für uns, vorherrschende Meinungen zu hinterfragen, zu prüfen, menschenverachtende Inhalte aufzudecken und nicht unwidersprochen stehen zu lassen. Zudem wollen wir eigene, alternative Ideen von dem gemeinsamen Leben in einer Gesellschaft entwickeln und vorantreiben.

Wir möchten Ideen sammeln und Wege finden, wie wir aktiv werden und uns Gehör verschaffen können. Workshops, Vorträge, Kundgebungen aber auch andere kreative Aktionen stellen dabei, je nach Anlass, immer wieder wichtige Aktions- und Handlungsformen für uns dar.

Dabei ist es uns vor allem wichtig, die Menschen in ihrem alltäglichen Leben, mit den dazugehörigen Problemen, zu erreichen. Wir möchten nicht von oben herab diktieren, was „das Richtige“ ist.
Genau deshalb wünschen wir uns einen offenen, kritischen und respektvollen Dialog über unsere Aktionen und Inhalte.
Unser politisches Engagement soll nicht im luftleeren Raum stehen. Unser Ziel ist es, dass die von uns eingebrachten Themen im privaten Zuhause aber auch auf der Arbeit und im öffentlichen Raum zu weiteren Diskussionen anregen.

Auch deshalb sind wir in unserer politischen Arbeit offen für Bündnisarbeit mit anderen Gruppierungen und Organisationen. Wir sehen darin zum einen die Möglichkeit, mehr Menschen zu erreichen und dadurch einen stärkeren Ausdruck zu schaffen. Zum anderen besteht innerhalb von Bündnisarbeit ebenfalls die Möglichkeit, sich auszutauschen, zu diskutieren und so immer mehr Gedanken in Richtung einer Gesellschaft ohne Ausgrenzung, Ausbeutung und Unterdrückung sowie der Möglichkeit eines guten Lebens für alle Menschen anzustoßen.

Veröffentlicht am 16. August 2017


ROSA – Reutlingen for Organization, Solidarity and Action

Worum handelt es sich bei ROSA? … ROSA soll ein offenes Treffen für jeden Menschen aus Reutlingen und Umgebung werden, der Lust hat sich mit anderen Leuten zu vernetzen und gemeinsam politisch aktiv zu werden. Dabei spielt es keine Rolle welches Alter, Aussehen oder Geschlecht (etc.) eine Person hat.

Wichtig ist nur, dass ROSA KEIN Ort für Personen ist, welche menschenverachtende Meinungen (z.B. Rassismus) vertreten oder Gruppen angehören, die dieses tun.

Angesichts der aktuellen Verhältnisse auf der Welt im Allgemeinen, aber in Deutschland im Besonderen, finden wir es wichtig, dass es einen Raum gibt, in welchem jede_r gehört wird, sich jede_r einbringen und man gemeinsam die verschiedensten Aktionen gegen jede Art von Menschenfeindlichkeit organisieren kann. Hier sind dann die Ideen von jeder Person gefragt, die zu den ROSA-Treffen kommen möchte; egal ob man sich erst einmal einfach nur über die gegenseitigen Erfahrungen austauschen will, ob man Workshops oder Demos veranstalten will oder auch ganz andere Ideen hat.

Was ist mit den aktuellen Verhältnissen gemeint? … in Deutschland aber auch in anderen Länder sehen wir gerade, dass rechte Meinungen immer mehr Zuspruch erhalten. Es werden die verschiedensten Menschen ausgegrenzt oder auch in vielen Fällen verfolgt oder bedroht. Beispiele hierfür sind rassistische Bewegungen und Parteien wie Pegida oder AfD, die gegen geflüchtete Menschen wettern, aber auch streng religiöse Zusammenschlüsse, wie die sogenannte Demo für Alle in Stuttgart und Wiesbaden, welche sich gegen die Gleichberechtigung von Frauen und auch gegen Homosexualität wenden.

Wir glauben, dass ein gutes und freies Leben für ALLE erreicht werden kann, wenn wir anfangen uns zusammenzuschließen, um gemeinsam gegen Menschenfeindlichkeit anzukämpfen, auch wenn wir vielleicht nicht immer selbst betroffen sind. Hierfür soll ROSA eine Möglichkeit bieten.

Wenn du Lust bekommen hast, ROSA kennenzulernen und mitzugestalten, dann komm doch einfach zu unserem offenen Treffen am 1. Donnerstag jeden Monats im Jugendtreff des Haus der Jugend in Reutlingen.

Veröffentlicht am 28. Februar 2017